c't 3003: Das Fairphone 4 im Langzeittest

Fairphone verspricht mehr Nachhaltigkeit als andere Smartphone-Hersteller. Was ist dran? c't 3003 hat das Fairphone 4 ausführlich getestet.

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  • Jan-Keno Janssen

Was taugt das Fairphone 4? c't 3003 hat das nachhaltige Smartphone ausführlich getestet.


Transkript des Videos:

Für dieses Video habe ich das Fairphone 4 ausführlich als Alltagshandy getestet. Außerdem erkläre ich euch, ob das Fairphone wirklich fairer, umweltfreundlicher und nachhaltiger ist, als andere Geräte. Und warum.

Ich weiß, ich weiß, ich bin ein laufender Widerspruch: Ich bin schon echt ein Gadgetfreak, kaufe mir ständig neues Technik-Spielzeug, das kann man ja direkt hier im Channel ganz gut verfolgen.

Und gleichzeitig will ich natürlich nicht, dass der Planet kaputtgeht und Menschen ausgebeutet werden. Deshalb kaufe ich Kaffee, Schokolade und Anziehsachen fast nur noch Bio und Fairtrade. (Side-Note: Habt ihr schonmal versucht, Unterhosen mit Umwelt- und Nachhaltigkeitssiegel zu kaufen, die man normal bei 60 Grad waschen kann? Wenn ihr was wisst, gerne in die Kommentare schreiben.)

Zurück zum Thema des Videos: „Wenig ausbeuterisch“, „umweltfreundlich“ und „Technikzeugs“ gehen schlecht zusammen. Genau das will Fairphone ändern. Aber jetzt mal ganz kurz erstmal, wo eigentlich die Probleme liegen. Ich habe das mal in zwei Bereiche eingeteilt:

Problem 1: Treibhausgasemissionen & Nutzungdauer

Laut Angaben von Apple verursacht ein iPhone 13 Pro Max 74 kg CO2. Das entspricht etwa der Menge, die man bei einer 600 km langen Autofahrt in die Luft pustet.

Von den 74 Kilogramm-iPhone-CO2 entstehen 80 Prozent bei der Produktion, 15 Prozent während der Nutzungsphase (Apple geht von drei Jahren aus). Die restlichen vier Prozent entfallen auf Transport, ca. 1 Prozent auf die Entsorgung beziehungsweise Recycling.

Das bedeutet: Je weniger Smartphones gekauft und produziert werden, weil sie länger genutzt werden, desto weniger CO2 wird frei. Sehr anschaulich hat das die Umweltorganisation EEB ausgerechnet: Eine um ein Jahr verlängerte durchschnittliche Smartphone-Nutzungsdauer würde so viel CO2 einsparen, als würde man zwei Millionen Autos von den Straßen nehmen.

Aber wie lange benutzt ihr euer Smartphone? Wenn ich ehrlich bin, bin ich bislang auf nicht so lange Zeiten gekommen. Gerade bei Android gibt es nämlich gar nicht so lange Updates – und ich will kein Telefon ohne Sicherheitupdates verwenden, und die Funktionsupdates hätte ich eigentlich auch gerne.

Das mit Android 11 ausgelieferte Fairphone 4 verspricht Softwareupdates bis Ende 2025; oder konkreter: 2022 soll ein Update auf Android 12 kommen, außerdem gibt es eine Garantie für Android 13. Fairphone hofft, auch auf Android 14 und 15 zu updaten, aber das garantieren sie nicht, weil sie nicht wissen, wie es mit den Treibern von Qualcomm für das System on a Chip aussieht.

Die Konkurrenz kommuniziert sowas meist nicht so transparent, Update-Garantien gibt es hier erst seit kurzem: Zum Beispiel garantieren Google, Samsung und Xiaomi, OnePlus für ihre aktuellen Flaggschiff-Geräte drei Jahre Funktionsupdates, Sicherheitsupdates gibt es oft ein Jahr länger. Apple gibt gar keine Garantie auf Updates, auch wenn sie in der Vergangenheit sehr gut geliefert haben: Die iPhones der letzten 10 Jahre haben zwischen vier Jahren wie bei iPhones 5C bis sieben Jahre (iPhone 6s / iPhone SE) bekommen. Das ist schon richtig gut. Um die Update-Garantien gibt’s übrigens auch gerade politischen Wirbel: Die Bundesregierung plant Gesetze, die Hersteller verpflichten, sieben Jahre lang zumindest Sicherheitsupdates bereitzustellen. Die Hersteller finden das natürlich nicht so toll, der Industrieverband DigitalEurope schlägt läppische zwei Jahre Funktionsupdates und drei Jahre Sicherheitsupdates vor.

Was Fairphone auf jeden Fall allen mir bekannten Herstellern voraus hat: Das Fairphone 4 bietet sage und schreibe fünf Jahre Garantie auf die Hardware. Üblich sind sonst 1 oder 2 Jahre. Außerdem ein dicker Pluspunkt bei Fairphone: Der Akku ist nicht verklebt und lässt sich selbst tauschen. Ein neuer Akku kostet 30 Euro. Noch ungewöhnlicher ist, dass man auch andere Teile selbst austauschen kann: Zum Beispiel die Kamera-Module, der USB-C-Anschluss, die Lautsprecher. Der dafür benötigte Schraubendreher wird sogar mitgeliefert. Ich bin ja ein bisschen tollpatschig und muss schon öfter dran denken, was eigentlich passiert, wenn ich das Ladekabel versehentlich mitsamt der Buchse aus dem Handy reiße. Bei Fairphone würde mich das 14,95 kosten, da kann ich nämlich einfach einen neuen USB-C-Anschluss einbauen.

Alles in allem kann man Fairphone attestieren, dass sie deutlich mehr tun als andere Hersteller, um eine lange Nutzungsdauer zu ermöglichen.

Problem Nummer 2: Seltene Erden und Komponenten & Ausbeutung

Ein anderes Problem bei der Herstellung von Smartphones sind die notwendigen Materialien und seltenen Erden. Also zum Beispiel Gold, Kobalt, Kupfer, Tantal, Wolfram und Zinn. Das sind alles Substanzen, bei denen im Abbau oft unsichere Arbeitsbedingungen, Gesundheitsrisiken und Kinderarbeit zu finden sind. Zum Beispiel bei Kobaltminen im Kongo: Da schuften oft Kinder ohne Schutzkleidung, ohne Helme, sind Radioaktivität ausgesetzt, die von den Erzen ausgeht. Außerdem verseuchen die beim Abbau eingesetzten Chemikalien die Böden und das Wasser. Man kann diese Rohstoffe nachhaltiger abbauen beziehungsweise lassen sich viele auch aus alten Geräten recyclen. Fairphone gibt selbst erstaunlich offen zu, dass sich nicht alle diese Materialien einfach fair und bio einkaufen lassen.

Zumindest beim Gold hat Fairphone als erster Hersteller eine Fairtrade-zertifizierte Lieferkette. Ansonsten nutzt Fairphone für den Gehäuserahmen zertifiziert nachhaltiges Aluminium, recycelten Kunststoff für den Gehäusedeckel und „arbeitet hinter den Kulissen daran, faireres Kobalt und Lithium zu integrieren“. Das klingt erstmal nur nach heißer Luft, aber auf der Fairphone-Website kann man sich detailliert anschauen, woran die da konkret arbeiten. Hergestellt wird das Fairphone übrigens in China bei einem Auftragsfertiger – und Fairphone zahlt den Arbeiter*innen dort einen monatlichen Bonus obendrauf auf den Lohn, den sie dort regulär bekommen. Für jedes verkaufte Fairphone werden 1,50 Euro ausgezahlt.

So, und jetzt endlich zum Test des Fairphone 4. Ich habe das Ding mehrere Wochen als Haupthandy benutzt und kann deshalb die Alltagstauglichkeit ganz gut einschätzen. Ich habe übrigens mit dem Video gewartet, bis die finale Software-Version des Fairphone 4 herausgekommen ist; der Test entstand mit der Version vom 26. Oktober.

Erstmal vorweg: Das Fairphone 4 hat mich nicht zur Weißglut gebracht, wie das zum Beispiel beim Billig-Telefon Redmi 9a mit seinen ständigen Gedenkpausen der Fall war. Das Fairphone 4 macht seinen Job ordentlich, Apps starten flott, es gibt keine Lags. Das Display ist mit einer Auflösung von 1080 x 2340 Pixeln mehr als ausreichend scharf, die Pixeldichte liegt bei 410 ppi. Die Helligkeit geht bis 483 cd pro Quadratmeter hoch, das reicht auch für helle Umgebungen. Außerdem gibt’s Gorilla Glass 5. Es handelt sich um ein LC-Display, man darf also nicht Farbkraft und Kontrast wie bei OLEDs erwarten. Ich fand das Display ok, allerdings etwas blickwinkelabhängig – es wird etwas dunkel, wenn man diagonal draufguckt. Das Gehäuse ist jetzt nicht das allerdünnste der Welt, aber so sieht das eben aus, wenn der Akku wechselbar ist.

Ansonsten alles unauffällig: Geladen wird über USB-C, es gibt erfreulicherweise einen MicroSD-Slot, eine Kopfhörerbuchse fehlt wie bei vielen aktuellen Geräten. Wasserdicht ist das Fairphone 4 nicht, was vermutlich auch mit dem wechselbaren Akku zu tun hat. Joah, es gibt es einen Fingerabdrucksensor auf dem Einschaltknopf, was ich zusammen mit In-Display-Fingerabdrucksensoren für die beste Authentifizierungsmethode halte. Der Sensor reagiert sehr flink und zuverlässig, was allerdings etwas doof ist: Es reicht nicht, einfach das Gerät mit dem Finger aufzuwecken, man muss nach dem Drücken den Finger nochmal abheben und wieder drauflegen, erst dann wird der Fingerabdruck erkannt.

Als System on a Chip steckt ein Snapdragon 750G im Fairphone 4, das ist solide Mittelklasse, für alles außer Spiele völlig ausreichend. Das zeigen auch die Benchmarks: Das Fairphone 4 ist sogar schneller als das Google Pixel 5, allerdings deutlich langsamer als die Spitzenmodelle von Samsung und Apple, vor allem bei der Grafikperformance. Lobend erwähnen muss ich noch: Anders als bei vielen anderen Android-Phones gibt’s bei Fairphone 4 null vorinstallierte Schrott- und Werbeapps. So soll es sein. Was ich etwas schade fand: Die Akkulaufzeit ist unterdurchschnittlich. Im Test schaltete sich das Fairphone 4 beim YouTube-Kucken über WLAN nach 9,8 Stunden ab, andere Smartphones kommen fast auf das Doppelte. Ich kam zwar beim Fairphone 4 meist mit einer Akkuladung durch den Tag, aber knapp.

Und jetzt zum für viele Menschen wichtigsten Punkt: Den Kameras. Es gibt eine 25-Megapixel-Selfiekamera und zwei nach hinten gerichtete 48-Megapixel-Kameras, eine normal weitwinklig und eine mit Ultraweitwinkel.

Die Kameras sind wirklich gar nicht schlecht. Hier zum Beispiel ein Porträt bei diffusem Licht. Die Farben tendieren etwas ins kühle, das finde ich aber bei einigen Motiven sogar positiv. Der Hautton des doppelt so teuren iPhone 13 Pro ist hier meiner Meinung nach ein bisschen zu rot.

Nicht so toll sind dagegen Aufnahmen, wenn das Licht sowieso schon ins Blaue geht, wie bei diesem Baum kurz vor Sonnenuntergang. Hier noch ein Plattenbau-Landschaftsfoto vom Fairphone 4, einmal mit dem Normalobjektiv und einmal mit Weitwinkel.

Und hier im Vergleich mit dem iPhone 13 Pro. Schärfe und Detailabbildung gehen auf jeden Fall klar. Bei richtig schlechtem Licht kommen immer noch brauchbare Fotos aus dem Fairphone 4, wenn auch in den Details bröseliger als beim iPhone.

Die Selfiekamera hat dieselben kalten Farben, ist sonst aber ok. Auf berechnete Unschärfe bei Porträts muss man bei der Fairphone-Standardkamera-App allerdings verzichten.

Videos gehen bei Fairphone 4 bis 4K mit 30 fps, der optische Stabilisator macht einen okayen Job, auch wenn das iPhone ein besseres Ergebnis erzielt. Bei Videos mit der Selfiekamera muss man auf optische Stabilisierung verzichten.

Fazit: Ganz klar – das Fairphone ist kein High-End-Smartphone. Es steckt aber solide Technik drin, die viele Jahre angenehme Android-Nutzung ermöglichen wird. Erfreulich ist, dass man mit 6 GByte RAM einigermaßen zukunftssicher unterwegs ist. 580 Euro kostet die Grundversion mit 128 GByte internem Speicher. Für 650 Euro gibt es auch noch eine Variante mit 8 GByte RAM und 256 GByte internem Speicher. Beide Modelle sind definitiv keine Schnäppchen, all diese Umwelt- und Nachhaltigkeitssachen kosten Geld.

Außerdem muss allen klar sein, dass man nicht die geschmeidige Schwuppdizität eines 120-Hz-Displays bekommt und auch nicht die allerallertollsten Fotos und Videos. Für Schnappschüsse reicht es aber allemal, da habe ich schon viele deutlich schlechtere Smartphone-Kameras gesehen.

Was das Fairphone aber deutlich besser macht als die Konkurrenz: Es ist superkonsequent auf lange Nutzung ausgelegt; nicht nur durch die modulare Bauweise, sondern auch wegen der 5-Jahres-Garantie und dem Versprechen, sehr lange Updates auszuliefern. Wollt ihr nachhaltig handeln, wäre sonst auch der Kauf eines gebrauchten Smartphones eine Option – für 580 Euro bekommt man zum Beispiel problemlos ein iPhone 11 oder wenn man Glück hat sogar ein iPhone 12. Ein Samsung Galaxy S21 ist kriegt man ebenfalls für den Preis. Der Kauf eines Fairphones ist allerdings auch ein Signal an den Markt, damit auch die anderen Hersteller mitbekommen: Hallo, es gibt ein Interesse für umweltfreundlichere und nachhaltigere Technik! Es ist uns nicht egal! Tschüß!


c't 3003 ist der YouTube-Channel von c't. Die Videos auf c’t 3003 sind eigenständige Inhalte und unabhängig von den Artikeln im c’t magazin. Redakteur Jan-Keno Janssen und die Video-Producer Johannes Börnsen und Şahin Erengil veröffentlichen jede Woche ein Video.

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(jkj)