Zeitarbeit: ITler sind echte Exoten und weniger qualifiziert

IT-Fachkräfte sind selten in Zeitarbeit und wenn doch, dann wenig qualifiziert. Oft haben sie operative Aufgaben bei gleichem Gehalt wie andere Beschäftigte.

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(Bild: dotshock/Shutterstock.com)

Von
  • Peter Ilg

Das Berufsleben von Jan Stenker, 36, ist ein ständiges Kommen und Gehen, denn der Hamburger ist Zeitarbeiter. Sein Arbeitgeber Gulp leiht ihn an andere Unternehmen zeitlich befristet aus. Seit fast zehn Jahren ist Stenker schon Leiharbeiter bei unterschiedlichen Zeitarbeitsunternehmen, in verschiedenen Einsatzfirmen und das meistens im IT-Support. "Ich bin in das Jobhopping reingerutscht und mit jedem Wechsel wurde es schwerer, außerhalb der Zeitarbeit einen Job zu finden." Jetzt scheint es aber zu klappen.

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Stenker hat seinen Hauptschulabschluss gerade so geschafft und anschließend eine Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation einschließlich Mittlerer Reife mit gut abgeschlossen. "Die Berufsausbildung war bei einem Bildungsträger und Ausbildungen in sozialen Einrichtungen haben einen schlechten Ruf in der freien Wirtschaft, wenn man sich dort bewirbt", sagt Stenker. Deshalb hat er keine passende Stelle gefunden und kam so zur Zeitarbeit. Ein halbes Jahr hier, drei Jahre dort, dazwischen immer wieder den Arbeitgeber gewechselt und zwischendurch mehrmals einige Monate arbeitslos. Solche Lebensläufe schreibt die Zeitarbeit.

Leiharbeiter werden geholt, wenn sie gebraucht werden. Für Projekte, in denen es personell eng ist, um Spitzenbelastungen zu glätten oder als längere Krankheitsvertretung. Wenn sie ihre Arbeit gemacht haben, müssen sie wieder gehen – und wenn es dann keine Anschlussaufträge in der Zeitarbeitsfirma gibt, stehen sie auf der Straße. Während Corona hat es viele Zeitarbeiter getroffen.

Nach der Statistik der Bundesagentur für Arbeit ist die Anzahl der Zeitarbeiter von 930.000 im Jahr 2018 um aktuell rund 200.000 Personen gesunken. "Das hat mehrere Gründe und ganz besonders stark war der Rückgang in der Automobilindustrie", sagt Wolfram Linke, Sprecher des Interessensverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen. Die Höchstüberlassungsdauer von Zeitarbeitern wurde auf 18 Monate festgelegt, außerdem müssen sie nach 9 Monaten so bezahlt werden, wie Beschäftigte in der Einsatzfirma in einem vergleichbaren Job. "Deshalb werden Zeitarbeiter häufig nach 9 Monaten in den Einsatzunternehmen nicht weiter beschäftigt", sagt Linke. Dann kam Corona und die Zeitarbeit ist vollends eingebrochen, "denn bevor die Unternehmen ihre eigenen Mitarbeiter entlassen, schicken sie die Leiharbeiter nach Hause", so Linke. Zeitarbeit ist stark von der Konjunktur abhängig und ein Frühindikator für die Wirtschaft.

Aktuell zieht sie wieder an. Im August gab es rund 722.000 Zeitarbeiter, das waren 6.700 mehr als im Vormonat und 80.000 mehr als im August vergangenen Jahres. "Etwa zehn Prozent der Leiharbeiter sind Akademiker und Ingenieure die größte Gruppe darunter", sagt Linke. ITler seien es geschätzt nur wenige Tausend. Das liegt nach Linkes Meinung am grundsätzlichen Mangel an IT-Fachkräften und keinesfalls am geringeren Gehalt. Bezahlt werden Zeitarbeiter nach Tarif, mit Ausnahme von gut ausgebildeten Fachkräften aus allen Wirtschaftszweigen, außerdem IT-Personal. "Sie verhandeln ihre Löhne frei, sonst würden die Zeitarbeitsunternehmen keine IT-Beschäftigten finden", sagt Linke. Viele Leiharbeiter werden während oder nach den Projekten von den Firmen übernommen, in denen sie eingesetzt sind. "Bei Fachkräften sind das bis zu 70 Prozent", schätzt Linke. Diese Hoffnung auf Übernahme haben Zeitarbeiter häufig.

Auch Stenker. "Mehrere Firmen, in denen ich eingesetzt war, haben angeboten, mich einzustellen." Nur einmal hat er ein Angebot angenommen, in allen anderen Fällen aber abgelehnt, weil die Firmen für ihn nicht das richtige waren. Bei seinen Einsätzen wird er meist von den neuen Kollegen mit offenen Armen empfangen und als einer von ihnen behandelt. "Verunsichert sind aber immer alle, weil es leicht sein kann, dass ich schon nächste Woche nicht mehr komme, wenn mich die Firma nicht mehr braucht." In der Berufsschule wurde ihm gesagt, dass er Affinität zur IT hat und es wurde ihm nahegelegt, sich in diesem Thema eine Arbeit zu suchen. So kam es zu seinem ersten IT-Einsatz vor vielen Jahren, was sich fortgesetzt hat. Aktuell ist Stenker bei Gulp angestellt – an wen ihn sein Arbeitgeber ausgeliehen hat, will er nicht sagen. Zeitarbeit hat keinen guten Ruf und Firmen, die solche Leute beschäftigen, wollen das nicht publik machen.

Clemens Jansen ist Senior Business Unit Manager bei Gulp, er sagt: "Während Corona gab es keinen Rückgang beim Bedarf von IT-Fachkräften in der Arbeitnehmerüberlassung." Gerade diese Gruppe war und ist besonders gefragt, weil IT-Experten in Arbeitnehmerüberlassung üblicherweise im operativen Bereich eingesetzt werden. Ganz typisch sind IT-Support und IT-Administration, beides wurde während Homeoffice und wird in den neuen hybriden Arbeitsformen dringend gebraucht. Was für einen weiterhin hohen Bedarf an IT-Personal in der Zeitarbeit spricht.

Die Höchstdauer von 18 Monaten für einen Einsatz hält Jansen für wenig praktikabel, "weil Projekte oft länger dauern und Mitarbeiter in Arbeitnehmerüberlassung aufgrund dieser Vorgabe mittendrin aussteigen müssen". IT-Freiberufler als Alternative sind in langen Projekten nicht zwangsläufig die bessere Wahl. Sie dürfen zwar unbegrenzt in einem Unternehmen eingesetzt sein, doch dann droht eventuell Scheinselbstständigkeit. "Außerdem haben Freiberufler einen Dienstvertrag, den sie frei von Anweisungen erfüllen", sagt Jansen. Zeitarbeiter sind an die Weisungen gebunden. Das ist eine ganz andere Form der Zusammenarbeit.

Robert Half ist ein weiteres Unternehmen, das in der Zeitarbeit tätig ist. Patrick Pieles ist dort deutschlandweit für die Arbeitnehmerüberlassung zuständig. "IT-Zeitarbeiter haben höchst selten ein Informatik-Studium abgeschlossen, bestenfalls eine duale Ausbildung etwa zum Fachinformatiker. Häufig sind es Quereinsteiger oder Umschüler." Die Gründe, weshalb Menschen in die Zeitarbeit gehen, sind ganz unterschiedlich. Darunter sind Erst- und Wiedereinsteiger, die Unternehmen und Aufgaben ausprobieren wollen, bevor sie sich festlegen oder die noch unsicher sind, was sie beruflich machen wollen. Einige nutzen die Zeitarbeit als Sprungbrett in die Festanstellung und für andere ist die Zeitarbeit eine Möglichkeit, Praxiserfahrung zu sammeln und sich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erarbeiten. "Die Einstiegshürden in der Zeitarbeit sind meist niedriger als bei einem Bewerbungsverfahren für die Festanstellung", sagt Pieles. Über die Zeitarbeit haben die Kandidaten dann schon mal den Fuß in der Tür.

Auch bei Stenker hat es schon einmal geklappt. Jetzt sieht es allerdings so aus, dass sein Einsatz zwar endet, sein Arbeitgeber Gulp ihn aber an ein anderes Unternehmen als Mitarbeiter vermittelt hat. Personaldienstleister wie Gulp und Robert Half suchen auch im Auftrag von Unternehmen Mitarbeiter. So findet Stenker nun vielleicht indirekt über die Zeitarbeit eine Anstellung außerhalb dieser Branche.

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(bme)