Malaria-Impfstoff für Kinder: Ein großer Schritt ist getan

Der Kampf gegen die Malaria war eines der ersten großen Projekte der WHO. Mit dem Impfstoff für Kinder scheint nun ein Meilenstein erreicht zu sein.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 70 Beiträge

Der Malaria-Überträger Anopheles bei der Blutmahlzeit.

(Bild: Wikimedia Commons / CDC - James Gathany / public domain)

Von
  • Bettina Wurche

Die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) hat erstmals einen Malaria-Impfstoff für die breite Anwendung bei Kindern empfohlen. Ab sofort sollen vor allem Kinder ab fünf Monaten in Afrika mit "RTS,S/AS01" (Markenname: Mosquirix) geimpft werden. Der Impfstoff ist südlich der Sahara sowie in anderen Regionen mit moderaten bis hohen Krankheitsraten zugelassen.

Die Empfehlung beruht auf Ergebnissen eines groß angelegten Pilotprogramms in Ghana, Kenia und Malawi, das seit 2019 mehr als 800.000 Kinder erreicht und ein Drittel von ihnen geschützt hat. Ein "historischer Moment", meint WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus – schließlich sterben in den tropischen und subtropischen Sub-Sahara-Staaten Afrikas jährlich mindestens 400.000 Menschen an Malaria, die meisten davon sind Kinder unter fünf Jahren.

Malaria wird durch einzellige Plasmodium-Parasiten verursacht, die weibliche Anopheles-Mücken als Zwischenwirte nutzen. Beim Stich saugt das Insekt über seinen Rüssel das menschliche Blut. Dabei fließt auch etwas Mückenspeichel in die Einstichstelle, mit dem die Krankheitserreger in den menschlichen Körper gelangen. Manchmal nimmt die Mücke mit dem Blut Malaria-infizierter Menschen auch gleich wieder Parasiten auf.

Die einzelligen Malaria-Erreger existieren seit mindestens 30 Millionen Jahren. Vor Zehntausenden von Jahren haben sie Menschen als Endwirte entdeckt, seitdem haben sich Einzeller und Mücken mit Nomaden und Reisenden immer weiter verbreitet. Mit ihrer schnellen Generationenfolge sind die heute fünf bekannten Plasmodium-Formen und die Anopheles-Mücken extrem anpassungs- und widerstandsfähig, dadurch können sie schnell Resistenzen entwickeln.

Mehr von MIT Technology Review Mehr von MIT Technology Review

Daher war und ist der Kampf gegen die Malaria eines der ersten großen Projekte der WHO, das mit dem Impfstoff für Kinder nun einen wichtigen Meilenstein erreicht. Dabei muss man bis ins Jahr 1987 zurückblicken, als "RTS,S" von Wissenschaftlern des Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline entwickelt wurde. Es wirkt gegen P. falciparum, den häufigsten und gefährlichsten Malaria-Erreger in Afrika.

"RTS,S" nutzt ein einziges Protein des Einzellers, um das menschliche Immunsystem nach einem Mückenstich schnell zur Immunabwehr zu aktivieren, bevor der Plasmodium-Parasit über den Blutkreislauf in die Leber gelangt, dort heranreift und sich massenhaft vermehrt. Aus der Leber würden dann große Mengen der Parasiten zurück in den Blutkreislauf wandern, dort die roten Blutkörperchen infizieren und dann die schweren Krankheitssymptome hervorrufen.

"RTS,S" bekämpft Malaria also im Frühstadium. Unbehandelt führt das "Sumpffieber" zu hohem Fieber, Schüttelfrost und Kopfschmerzen, Leberschäden und Anämie, ohne medizinische Hilfe innerhalb der ersten 24 Stunden sterben viele der Infizierten.

Eine Immunreaktion auf nur ein Protein des Erregers bedeutet jedoch, dass dem Immunsystem immer noch viele Eindringlinge entgehen, die dann doch zu Infektionen führen können. Außerdem wirkt "RTS,S" ausschließlich gegen einen der insgesamt fünf Malaria-Erreger. Auch kritisch ist, dass die Impfung in mehreren Dosen gespritzt werden muss, um ihre größtmögliche Wirkung zu entfalten. Gerade in ländlichen Gegenden mit einer wenig entwickelten Gesundheits-Infrastruktur ist das kein einfaches Unterfangen.

Dennoch ist der nun empfohlene Impfstoff ein Erfolg: Von 2009 bis 2014 hat "RTS,S" seine Wirksamkeit in einer ersten Pilotstudie klar bewiesen: 15.000 Kinder zwischen fünf und 17 Monaten in sieben Sub-Sahara-Ländern hatten alle vier Impfdosen erhalten. Das Vakzin hatte während der vierjährigen Studie 39 der Prozent der Infektionen sowie 29 Prozent der schweren Krankheitsverläufe verhindert, bilanzierten die Forscher.

2015 erfolgte die Zulassung durch die europäische Arzneimittelzulassungsbehörde EMA. Durch die 2019 gestartete WHO-Studie mit 800.000 Kindern zeigt sich nun: Der Impfstoff ist sicher und reduziert allein die Zahl der Todesfälle um 30 Prozent, außerdem verringert er die Zahl der schweren Krankheitsverläufe und Krankenhausbehandlungen auch um fast ein Drittel.

Die Familien haben den Impferfolg gesehen und nutzen diese sowie die anderen Maßnahmen wie Bettnetze für den Schutz ihrer Kinder. Denn nur mit dem kombinierten Einsatz aller dieser Präventions- und Therapie-Maßnahmen gelingt die Eindämmung der Malaria. Wegen der stetigen Evolution der Plasmodium-Parasiten und Stechmücken müssen zusätzlich immer neue Insektizide, Medikamente, Impfstoffe und andere Methoden entwickelt werden.

Noch ungeklärt ist allerdings die Finanzierung der nötigen Impfkampagnen – die meisten afrikanischen Staaten sind auch dabei weiterhin auf die Hilfe der Weltgemeinschaft angewiesen.

Lesen Sie auch

(jle)